Ausstellungsbericht „Die Schwarze Linie : Stabell & Seifert“

Die Schwarze Linie schlängelt sich durch sämtliche Stile der Malerei. Sei es durch skizzenhafte Studien oder klassisch angelegte Ölgemälde. Sie zeichnet Formen, umrandet Stimmungen und lenkt den Blick des Betrachters auf Details oder Leerräume.

Unter dem Titel „Die Schwarze Linie“ stellen die beiden Künstlerinnen Corinna Seifert und Inken Stabell vom 07. bis zum 18. Juni im Untergeschoss der Halle14 auf dem Gelände der Baumwollspinnerei Leipzig aus. Sie zeigen einen Querschnitt ihres Schaffens. Eine Auswahl eigenständiger Werke sowie gemeinsame Kollaborationen.

Betritt man die 340m2 große Halle, so wird man gerade hin von Stabells Gemälde „Ufer“ empfangen. Ein Fluss schlängelt sich durch die nächtliche Landschaft, die Mond beschienen in dunklen Tönen vor einem liegt und dennoch mit warmen Farben zu beruhigen weiß. Rechts daneben hängt ein Kupferstich mit dem Titel „Vögel im Winter“. Auf ihn ist ein schneebedeckter Baum dargestellt, um den Vögel kreisen. Dieses Bild könnte in einem Buch aus der Zeit der Romantik als Illustration zu einem Gedicht stehen.

Inken Stabell „Ufer“; Öl auf Leinwand

Gegenüber diesen beiden Werken hängen sieben Arbeiten Seiferts. Es handelt sich um Studien verschiedener Tierschädel. Der Grund stets schwarz, die Schädel in verwaschenem Weiß, die Darstellung archaisch. Die Anordnung der Leinwände auf der weißen Galeriewand zeichnet eine Linie; eine schwarze Linie. Sie führt weiter zu einem Bild in Signalrot. Einem weiteren Schädel in Miniatur. Links daneben hängt eine weitere Reihe. Sie trägt den Titel „Wo man singt“. Es handelt sich um drei Werke, deren Darstellungen durch schwarze Tiefen und detaillierte Motive einen unheimlichen Sog erzeugen. Ein Pferdekopf in mittelalterlichen Rüstzeug. Eine Frau in Rüstung, ihr Kopf vom Betrachter abgewandt, der Blick zu dem zentralen, großformatigeren Bild der Reihe. Wieder eine Gestalt in Rüstung. Diesmal mit einem nach unten blickenden Totenschädel. Das Metall glänzt, spiegelt das Licht, der bare Schädel umgeben von einem Heiligenschein. Der Tod als Heiligtum, als letztes vergöttlichtes Mysterium. Die Darstellungen ein Fingerzeig in vergangene Zeiten und eine Frage, in wie weit man sich im Heute rüstet, um zu überleben.

Corinna Seifert „Wo man singt I – III“; Graphit, Kohle

Durchquert man die Halle gelangt man zu einem Bild Stabells, das durch seinen Rahmen alleine alten Zeiten entsprungen zu sein scheint. Unweigerlich stellt man sich die Frage, ob dieses nicht einem Kunstmuseum entliehen wurde. „Lichtung“ zeigt eben das, was der Titel vorgibt. Eine Lichtung in einem verwaschen grünen Wald. Die Bäume stehen am Rande, in der Bildmitte liegt eine Wiese und auf dieser steht eine Gestalt. Sie befindet sich in der Ferne, scheint ungreifbar. Und dennoch möchte man durch nähere Betrachtung erfahren, was diese tut, wer diese Gestalt ist. Ein Mysterium in nächtlicher Szenerie. Im Kontrast dazu steht das Bild „Oceans have no Memory“. Es zeigt eine weitere Facette Stabells Wirkens. Eine in einem Mantel gehüllte Gestalt steht am Ufer eines aufgewühlten Meeres. Die Wolken hängen dunkel bedrohlich, die Wellen greifen nach dem Strand. Und doch verharrt die Person in ruhiger Betrachtung, fast schon ungerührt vom Wind; würde der Mantel nicht wild flattern. Bei dieser Arbeit hört der Betrachter das Meeresrauschen, fühlt den Wind, schmeckt das Salz. Die Farben klar und intensiv, eine Tiefenwirkung wie bei einer Fotografie und dennoch handelt es sich eindeutig um eine Aquarellmalerei.

Ein zentrales Bild der Ausstellung ist Seiferts mächtige Darstellung „Dom“, welche auch das Ausstellungsplakat ziert. Mit dem Titel ist dabei nicht das kirchliche Bauwerk, sondern das russische Wort für das Zuhause, das Heim gemeint. Aus einer weißen Gebirgslandschaft erhebt sich eine Goliath-Gestalt, auf deren Schultern ein Bergfragment liegt. Die Muskulatur des Körpers ist angespannt, der Aufstieg war ein Kraftakt und dennoch steht die Gestalt aufrecht, den Rücken zum Betrachter gewandt. Der Bildhintergrund ist tiefes, unruhiges Rot. Sieht man sich die Darstellung genauer an, so schält sich aus der unteren, rechten Bildecke eine Männergestalt. Eine getriebene, in den Mantel gehüllte, mit schwarzem unbestimmten Gesicht. Die Leere blickt aus dem Bild heraus, der Mann scheint die Szenerie zu tragen und dabei den Betrachter zu fragen „Was geschieht hier? Warum schreitet das Land hinweg?“. Eine Besonderheit dieses Werkes sind die verwendeten Materialien. Es wurde mit Tusche, Acryl und auch einem Copic Marker gezeichnet und gemalt. Eine Kombination, die eine ganz eigene Bildsprache entstehen lässt.

Corinna Seifert „Dom“; Tusche, Acryl, Copic Marker

Als starken Kontrastpunkt zu der eben beschriebenen surrealistischen Darstellung lässt sich das Gemälde „Büste (Studie)“ finden. Es handelt sich um die Darstellung einer Frauenbüste, die in einem stattlichen Landhaus stehen könnte. Erst bei genauerer Betrachtung, beim Nähertreten, erkennt man, dass es sich nicht um eine Fotografie handelt. Stabell hat in Schweden klassische Malerei studiert. Gerade bei ihren Werken wie dieser Studie, sieht man wie gut sie ihr Handwerk beherrscht. Die weiße Büste vor schwarzem Hintergrund wirkt plastisch, fast schon, als könnte man herantreten und sie berühren, man das Material erfühlen. Und doch ist es ein Bild. Ebenfalls sehr realistisch ist Stabells „Stillleben mit Kanne“. Auch ohne dem Prunkvollen Holzrahmen wirkt dieses, als entstamme es einer weit zurückliegenden Zeit. Auch hier sieht man ihr Talent alte Stile aufzugreifen und neue Bildwelten damit zu kreieren. In Betrachtung ihrer Bilder huschen Namen durch das Gedächtnis. Es fallen einen die klassischen Florentiner ein, die großen Romantiker und auch moderne Illustratoren. Ein Brückenschlag aus der Vergangenheit in die Moderne, ohne modern zu malen.

Inken Stabell „Büste (Studie); Öl auf Leinwand

Wieder im Kontrast zu den elegant ausgearbeiteten Werken stehen Seiferts Zeichnungen wie „Loner“. Es handelt sich um eine fast schon Traumgestalt. Ein weiblich anmutendes Wesen, dessen Körperhaltung verkrampft aufrecht wirkt. Der Mund zu einem Schrei aufgerissen, das Haar so wild wie die Erscheinung. Der Schädel wie der eines Tieres und dennoch zutiefst menschlich. Der Körper scheint zu schwimmen, sich zu wandeln. Das Sujet wendet sich seitlich ab, blickt in der Ausstellung zu einer leeren Wand. Das gerahmte Bild selbst scheint sich von allem abzuwenden, nicht dazu gehören zu wollen. Doch das Motiv strahlt eine Ruhe aus, eine Gelassenheit und vor allem Eleganz. Der Körper aufrecht, der Brustkorb vorgeschoben, die Handhaltung weise. Kein Schmerzensschrei scheint auszutreten, sondern ein ausruf; fast schon ein entwaffnendes Lachen. Das Material ein weißes Blatt Papier, die Linien von Graphit. Gerade Seifert weiß mit reduzierten schwarzen Linien surreale, (Alp-)Traumwelten darzustellen. Selbst ihre vertraut wirkenden Vogelstudien werfen Fragen auf wie ihre extrem verschlüsselten Werke.

Beide Künstlerinnen unterscheiden sich in ihrer Ausbildung, in ihren Sujets, selbst in ihrem Auftreten. Und dennoch zieht sich eine starke verbindende Linie durch ihre Werke, ihre Leben. Sie beherrschen ihr Handwerk bis hin zur Perfektion, sie schaffen Kunst, die sich einprägt. Durch die Motivik, durch die angestoßenen Gedanken. Von Vergleichen mit alten Meistern bis hin zu Ideologien und Philosophien vergangener und aktueller Zeiten. Ein weiterer Fakt, der beide verbindet, ist ihr Alter. Beide sind Anfang Zwanzig. Sie haben erste Schritte auf dem Weg zu großen Künstlern getan. Feste Schritte, die bereits Spuren hinterlassen und sie selbstbewusst auf das Gelände der weltweit angesehenen Baumwollspinnerei Leipzig geführt haben. Noch befindet sich ihre Ausstellung im Untergeschoss einer ehemaligen Fabrikhalle. Die weißen Galeriewände werden von unverputzten Backsteinwänden und bröckligen Metallpfeilern unterbrochen. Ein Bruch, der perfekt zur Ausstellung passt. Die klassische Malerin und die surrealistische Konzeptkünstlerin. Verbunden werden die Arbeiten der beiden durch ihre fast schon verträumten Naturdarstellungen und ihre Gemeinschaftsarbeiten. Einem Portrait von der Sängerin „Eivør“ sowie dem strahlenden Werk „Conquer the World with Ink“. Bilder, die gemeinsam gewachsen sind. Der Titel des letztgenannten wie ein Wahlspruch, ein Ausblick.

Diese Werkschau bietet einen eindrucksvollen Überblick über das Schaffen zweier Künstlerinnen, die noch weite aber beständige Wege gehen werden.

Beim Verlassen der Ausstellung bleiben einige Motive im Gedächtnis, sowie das Gefühl, dass man etwas Andersartiges gesehen hat. Etwas, das im Kontrast zu der ansonsten in der Spinnerei vertretenen Kunst steht. Etwas Neuem, das seinen Ursprung weder leugnet noch vergessen hat. Und jedes Bild zeugt von Mut. Dem Mut einen eigenen Weg zu gehen und sich zu behaupten. Stabell geht noch in diesem Jahr nach London, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Seifert plant ihre nächsten Ausstellungen und Projekte, die sie teils alleine, teils in Kooperationen umsetzen wird.

Die Ausstellung „Die Schwarze Linie : Inken Stabell & Corinna Seifert“ findet vom 07. bis zum 18. Juni im Untergeschoss der Halle14 auf dem Gelände der Baumwollspinnerei Leipzig statt. Geöffnet ist sie am Pfingstwochenende täglich von 11 bis 18 Uhr sowie von Dienstag bis Samstag ebenfalls von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen zur Ausstellung finden sich hier: Die Schwarze Linie

Informationen zu Corinna Seifert: Art of The13th

Informationen zu Inken Stabell: InkenStabell.com

1 Kommentar zu „Ausstellungsbericht „Die Schwarze Linie : Stabell & Seifert“

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